
Niemand in den Randdörfern spricht gern über den alten Scheiterhügel von Brannmoor.
Nicht wegen der Krähen, die dort immerzu kreisen – sondern wegen der Wärme, die aus der Erde steigt,
selbst im tiefsten Winter. Als würde etwas darunter noch immer brennen.
Vor vielen Jahren war Brannmoor eine Durchgangsstation für Händler und Pilger.
In einer Hungerzeit jedoch kam ein Inquisitor namens Serevan Kaltbrand in das Dorf.
Er behauptete, ein „Seelenfresser“ verstecke sich unter den Menschen.
Und wie das so ist: Angst braucht keinen Beweis. Nur einen Funken.
Unter den Beschuldigten war Aderik, ein Totengräber, der die Toten wusch und die Namen der Verstorbenen in Holz ritzte,
damit sie nicht vergessen wurden. Er hatte rußige Hände, ein stilles Wesen – und die falsche Art von Blick, um in Zeiten der Panik zu überleben.
Sie banden ihn an einen Pfahl auf dem Scheiterhügel, warfen Harz und trockenes Holz aufeinander und zündeten an.
Doch als die Flammen ihn fraßen, geschah etwas, das niemand erklärte: Aderik schrie nicht.
Stattdessen flüsterte er – Worte, die wie Glut durch die Luft tanzten. Manche schworen später, sie hätten den Himmel kurz „aufreißen“ sehen,
als hätte etwas zurückgestarrt.
Am nächsten Morgen war der Pfahl zu Asche geworden. Aderiks Körper nicht.
Er lag im verbrannten Kreis, schwarz wie Kohle, die Haut rissig, die Knochen darunter schwach glimmend. Aber etwas war… verzogen.
Als hätte das Feuer nicht nur verbrannt, sondern umgeschmiedet: Sein Rückgrat wirkte verlängert,
die Gliedmaßen unnatürlich gestreckt, als hätte ihn eine unsichtbare Hand am Knochen gezogen.
In der folgenden Nacht stand Aderik wieder auf.
Nicht als Mensch. Nicht als bloßer Ghoul.
Er ragte nun 2,30 Meter in die Höhe – eine gebeugte, knochige Säule aus Ruß und Glut. Wenn er sich aufrichtete, knirschten seine Wirbel, als würden trockene Äste brechen. Sein Schädel saß zu tief auf den Schultern, der Hals wie ein verkohltes Seil, und aus Rissen in seiner Brust drang lebendiges Feuer, das bei jedem Atemzug aufflackerte. Wo er ging, blieb schwelende Erde zurück, und sein Schatten wirkte zu lang, als gehörte er nicht mehr ganz in diese Welt.
Man nennt ihn seither den Flammenden Ghoul.
Er jagt nicht nur Fleisch – er jagt Schuld. Er sucht Orte, an denen Menschen aus Angst Unschuldige opfern. Und wenn er sie findet, brennt er keine Häuser nieder. Er brennt die Wahrheit frei.
Doch seine Flamme ist kein heiliger Zorn. Sie ist ein Fluch. Denn jedes Mal, wenn er sich nährt, lodert er heller – und verliert ein Stück von dem, was Aderik einmal war. Es heißt, irgendwo in den verkohlten Wäldern sammelt er Holzsplitter mit eingeritzten Namen… und versucht, sich an seinen eigenen zu erinnern.
Und wenn man nachts das Knacken von Feuer hört, obwohl es keinen Herd gibt – dann sagen die Alten nur:
„Duck dich. Sonst sieht dich zuerst."
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